„Für die Flasche könnte ich eine Tüte aus feinem Samt nähen. Das Shirt habe ich kaum getragen und es ist frisch gewaschen.“
Wir schauen uns trotzdem leicht zweifelnd an.
Kann man …?
Hm.
Lieber nicht. Erst mal kennenlernen.
Immer dasselbe Dilemma: Soll ich auch Geschenke für andere Menschen mit selbst genähter Geschenkverpackung verzieren?
-> Warum nicht?
– Meine Garderobenschränke verbergen wunderschöne Materialien und Muster, die es mit üblicher Geschenkverpackung aufnehmen oder sogar noch viel schöner wirken können.
– Textil lässt sich viel gezielter und schöner als Verpackung gestalten.
– Die erkennbar ungewöhnliche Aufmachung zeugt davon, dass man sich Gedanken gemacht hat und der beschenkten Person eine ganz besondere Freude bereiten möchte.
– Wiederverwendete Kleidung schont die Umwelt und den Geldbeutel.
– Jeder gemiedene Neukauf ebenso.
-> Warum lieber doch nicht?
– Viele Menschen scheinen selbst gemachte Geschenke nicht zu mögen, wohl weil sie meinen, damit möchte jemand nur Aufmerksamkeit auf die eigenen Talente richten.
– Selbstgenähte Verpackung könnte den Anschein erwecken, man wollte nicht unnötig viel Geld für das Geschenk ausgeben.
– Viele Menschen mögen konventionelle Geschenke und geraten bei zu viel Kreativität in Bedrängnis, da sie auf diese irgendwie angemessen reagieren sollten.
– Wiederverwendete Kleidung ist gebrauchte Kleidung und der haftet immer noch ein Hauch Armutszeugnis an.
– Solches Recycling muss keine nachahmenswerte Umweltschutzmaßnahme darstellen.
– Viele Menschen bevorzugen Neuware.
Bei uns zu Hause ist selbstgenähte Geschenkverpackung längst Standard.
Und ich freue mich jedes Mal darauf, zu sehen, welche Schätze ich diesmal vorübergehend geschenkt bekomme.
Plötzliche Erinnerung an den lauen Sommerabend draußen im Garten? An den Kinobesuch, nach dem mir die Arbeit besonders leichtfiel? Der Schal, den ich nie tragen wollte und der ein neues Leben geschenkt bekam? Und die Jeans, ach die Jeans …
Ich fühle mich außerdem für die Garderobenjuwele, für die ich die Geldbörse und die Garderobenschranktüren geöffnet habe, verantwortlich.
Das stoffgewordene Pflichtgefühl bringt einen eigenen Fragezyklus mit sich:
- Will ich das noch tragen?
- Soll es in die Textiltonne?
- Kann ich es verkaufen?
- Kann ich es verschenken?
- Kann ich daraus was Neues nähen?
Verschenken und nähen bringen die größte Freude, und zwar vor allem währenddessen.
So kommt es recht oft vor, dass ich sorgfältig gewählte, gewaschene und gebügelte Sachen aufs Fahrrad packe und zur lokalen Kleiderkammer pilgere. Es kann sein, dass ich dort auch was kaufe ;-); ich hoffe aber vor allem, jemandem ein paar zauberhafte Momente schenken zu können.
Aber selbstgenähte Geschenkverpackung auch für andere zu benutzen?
Dazu müsste ich die potentiell Beschenkten erst mal gut genug kennen, entscheide ich mich.
Solange das nicht der Fall ist, bleibt es bei gekaufter Geschenkverpackung.
Schließlich sollte sich niemand an einem ganz besonderen Tag mit ganz besonderer Verpackung beschäftigen müssen.
Wäre da nicht die quälende Frage, wie viel unnötigen Konsum wir uns auf diesem Planeten noch leisten können, wäre ich mit meiner Geschenk-Philosophie zufrieden.
Hm.