Und wenn wir jeden Tag eine andere Sprache sprechen?
Mein Tag beginnt mit dem freundlichen Lichtwecker und den ersten unsortierten Gedanken.
Vielleicht blieben die Ideen dahinter vom Vortag übrig? Auf jeden Fall fühlen sie sich meistens wie … liegengelassene Nussschalenteile an. Oder so.
Mein Lieblings-Morgengedanke ist also „Kaffee“.
Und der taucht immer als Wort auf, und zwar mit Bauch-Vorfreudegefühl.
Danach geht es recht vielfältig weiter: die Geschehnisse des Tages ziehen immer entsprechende Worte mit bzw. nach sich, so ähnlich wie Wortmagnete.
Das können Worte aus verschiedenen Sprachen sein, manche sind jeden Tag da, andere klopfen nur an die Tür, manche stehen plötzlich im Raum, einige verstecken sich vielleicht. Sie können unterschiedlich wohlgeformt, zutreffend, komplex, witzig oder hitzig sein.
Ich glaube, wir alle erzeugen jeden Tag neue Wortlandschaften, die uns eigen sind.
Oft genug geschieht das nebenbei: während wir uns das Schienbein einrennen, den frisch gebrühten Kaffee verschütten, durch das Fenster den Regen beobachten, ein Werkzeug suchen, selber Texte verfassen oder Musik hören … Worte haften an Geschehnissen, Wort knüpft sich an Wort, manche verschwinden, andere wirken, bleiben, gestalten.
Kann man diese Wortwelten denn irgendwie authentisch und für andere nachvollziehbar festhalten?
Ich glaube nicht.
Gestern las ich ein slowenisches Buch, in dem zwei Studenten Partys in einer Studentensiedlung besuchten. Einer davon hatte außerdem in der Armee gedient.
Beim Lesen konnte ich problemlos Bilder, Gerüche, Geräusche, Farben usw. nachempfinden, wenn es um die besagten Partys ging.
Die Schilderungen über den Wehrdienst andererseits konnte ich nur als wohlbekannte und oft gehörte Erzählungsmuster wiedererkennen, da es sich dabei um eine Erfahrung handelt, die ich nie gemacht hatte.
Auch wenn ich meine dabei entstandenen Eindrücke detailliert schildern würde, könnte ich den Unterschied nicht wirklich für andere erlebbar machen.
Auch die Menschen, die dieselben Partys besuchten wie ich und den Wehrdienst nur aus Erzählungen kennen, werden eine andere Vorstellung davon haben. Sie werden was anderes gehört, gerochen, gesagt, gesehen haben. Und es auch anders schildern als ich.
Wir sprechen alle unsere eigenen Sprachen. Jeden Tag, behaupte ich. Oder?